
Der Begriff „prädiktive Analysen“ mag zunächst abstrakt klingen. Im Bereich der Wasseraufsicht bedeutet er jedoch etwas ganz Einfaches: vorhandene Daten zu nutzen, um vorausschauend zu handeln, anstatt Ereignisse lediglich im Nachhinein auszuwerten. Erkennt eine Betriebsleitung beispielsweise Muster bei den besucherstärksten Tagen, den Bereichen mit den meisten Vorfällen oder der Altersstruktur der Badegäste zu unterschiedlichen Tageszeiten, können Personalplanung und Aufsicht angepasst werden, bevor es überhaupt zu einer kritischen Situation kommt. In diesem Zusammenhang bedeutet Vorhersage vor allem eines: bessere Vorbereitung.
Ein anschauliches Beispiel liefert Australien. Ein Branchenbericht zeigt, dass das Risiko für Rettungseinsätze während schulischer Schwimmveranstaltungen dreimal höher ist als im regulären Badebetrieb. Mit anderen Worten: Rettungsschwimmer müssen bei solchen Veranstaltungen dreimal häufiger eine Person aus dem Wasser retten als während einer normalen Schwimmeinheit. Genau solche Zusammenhänge lassen sich mithilfe aussagekräftiger Datenanalysen erkennen. Weiß die Leitung einer Einrichtung bereits im Voraus, dass eine Schulveranstaltung die üblichen Betriebsabläufe stark beanspruchen wird, kann sie zusätzliches Aufsichtspersonal einplanen, die Aufsichtsbereiche neu organisieren oder das Programm im Becken entsprechend anpassen.
Darüber hinaus können Daten viele weitere wertvolle Erkenntnisse liefern. So kann eine Auswertung der täglichen Besucherzahlen einen deutlichen Anstieg jugendlicher Badegäste in den Abendstunden aufzeigen. Ebenso kann die Analyse vergangener Rettungseinsätze ergeben, dass sich die meisten Vorfälle auf Bahn 1 ereignen. Auf Grundlage solcher Informationen lassen sich Rettungsschwimmer gezielt umpositionieren, Bahnen neu zuweisen oder zusätzliche Hinweisschilder an besonders sensiblen Stellen anbringen. Auch Aufsichtskonzepte können überarbeitet werden, indem Personal verstärkt an Bereichen eingesetzt wird, die anhand der Daten als schwer einsehbar oder besonders stark frequentiert identifiziert wurden.
Dabei ist entscheidend zu betonen, dass Daten allein die Sicherheit nicht erhöhen. Erst die daraus abgeleiteten Maßnahmen machen den Unterschied. Badegäste zu zählen oder vergangene Vorfälle zu dokumentieren ist nur dann sinnvoll, wenn diese Informationen tatsächlich zu Veränderungen im Betrieb führen. Daten müssen Entscheidungen unterstützen. Im Rahmen eines professionellen Risikomanagements sollten prädiktive Analysen deshalb ein fester Bestandteil der Sicherheitsstrategie einer Einrichtung sein. Sie ergänzen die einrichtungsspezifische Sorgfaltspflicht, ersetzen jedoch niemals die grundlegenden Prinzipien einer aufmerksamen Wasseraufsicht. Anders ausgedrückt: Das Wissen über Besucherstruktur und Besucherströme entfaltet seinen Nutzen erst dann, wenn daraus konkrete Anpassungen bei der Überwachung erfolgen.
Das ist besonders wichtig, weil öffentliche Schwimmbäder weit mehr sind als reine Freizeiteinrichtungen. Sie stellen eine bedeutende Infrastruktur für die Gesellschaft dar. Australische Studien zeigen, dass Wasseranlagen einen erheblichen sozialen, gesundheitlichen und wirtschaftlichen Nutzen schaffen. Einer Untersuchung zufolge erwirtschaften australische Schwimmbäder jährlich rund 9,1 Milliarden australische Dollar an gesellschaftlichem und gesundheitlichem Mehrwert. Fast 90 Prozent der australischen Bevölkerung erreichen ein öffentliches Schwimmbad innerhalb von zwanzig Minuten mit dem Auto. Durch eine intelligente Nutzung von Daten können Betreiber diesen Nutzen weiter steigern, indem sie die Sicherheit verbessern, Angebote gezielter gestalten und das Vertrauen der Öffentlichkeit stärken. Jeder verhinderte Vorfall bedeutet potenziell ein gerettetes Leben und stärkt das Sicherheitsgefühl der gesamten Gemeinschaft.
In der Praxis wird dieser Ansatz durch moderne Technologien unterstützt. Zeitgemäße Sicherheitssysteme wie AngelEye erkennen nicht nur Notfallsituationen, sondern erfassen gleichzeitig wertvolle Betriebsdaten, beispielsweise Besucherzahlen, Belegungsheatmaps, Schätzungen der Altersgruppen oder weitere relevante Kennzahlen. Ein Dashboard kann Spitzenzeiten mit hoher Auslastung sichtbar machen oder wiederholte Zutritte von Nichtschwimmern kennzeichnen. Auf Basis dieser Analysen können Verantwortliche fundierte Entscheidungen treffen, zum Beispiel:
- Personaleinsatz: Zusätzliche Rettungsschwimmer während identifizierter Spitzenzeiten oder bei besonderen Veranstaltungen einplanen.
- Steuerung des Badebetriebs: Die Zahl der Badegäste begrenzen oder strengere Regelungen anwenden, wenn Daten auf ein erhöhtes Risiko hinweisen.
- Gestaltung der Anlage: Schwimmbahnen oder Ausstattungselemente neu anordnen, um Badegäste gleichmäßiger zu verteilen und Überlastungen einzelner Bereiche zu vermeiden.
- Information und Sensibilisierung: Hinweise zur Wassersicherheit gezielt auf die Personengruppen oder Tageszeiten ausrichten, die laut Datenanalyse das höchste Risiko aufweisen.
Indem Rohdaten in konkrete betriebliche Erkenntnisse umgewandelt werden, können Schwimmbäder den Schritt von einer reaktiven hin zu einer vorausschauenden Sicherheitsstrategie vollziehen. Technologie ersetzt keine aufmerksamen Rettungsschwimmer, sie liefert ihnen jedoch zusätzliche Informationen, um ihre Aufgabe noch wirkungsvoller zu erfüllen. Letztlich sollten Daten immer zum Handeln befähigen: Wer Entwicklungen frühzeitig erkennt, kann Ressourcen gezielt dort einsetzen, wo sie den größten Nutzen bringen, und so dazu beitragen, das Schwimmen für alle sicherer zu machen.


